UA-77764667-1
Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Geschichte der Goethe-Gesellschaft Kassel

 

 

Die Kasseler Goethe-Gesellschaft wurde 1949, vier Jahre nach Ende der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs, als Ortsvereinigung der in Weimar ansässigen Goethe-Gesellschaft gegründet. Das Ausmaß der Zerstörungen der Stadt Kassel, die (ähnlich wie Dresden) in weiten Teilen zerbombt und ausgebrannt war, sowie die Entwurzelung von Flüchtlingen und Vertriebenen prägten das Handeln und die Perspektive der Menschen nach dem 2. Weltkrieg. So stellte sich nach 1945 für viele Deutsche die Frage der kulturellen Neuorientierung.

Franz UlbrichFranz UlbrichDer Theaterintendant und exzellente „Faust“-Kenner Prof. Dr. Franz Ulbrich (1885-1950) übernahm 1949 den Vorsitz der von ihm neu gegründeten Goethe-Gesellschaft Kassel. Ulbrich war bis 1933 Generalintendant am Nationaltheater Weimar und wurde 1933 Intendant des Staatlichen Schauspielhauses am Gendarmenmarkt in Berlin, ihm beigeordnet wurde als Chefdramaturg der nationalsozialistische Vorzeigedichter und Präsident der „Reichsschrifttumskammer“ Hanns Johst (1890-1978). 1935 wechselte Ulbrich als Generalintendant an das Staatstheater Kassel, das er bis 1945 leitete. Der Dramaturg Dr. Hans-Joachim Schaefer beschrieb Ulbrichs Intendanz in Kassel wie folgt: „Das offensichtliche politische Tribut, das Ulbrich bei der Spielplangestaltung zollen musste, bewegte sich (…) an der untersten Grenze dessen, was damals überhaupt an Zugeständnissen möglich war“ (Schaefer, 1960, S. 4). Nach 1945 wurde Ulbrich Leiter des Kasseler Kammerstudios. Er wiederbegründete 1936 mit einer „Faust“-Inszenierung die bis heute fortbestehenden Bad Hersfelder Festspiele in der Stiftsruine.

Nach dem Tod Ulbrichs 1950 wurde der Jurist Dr. Ernst Sennhenn zum Nachfolger gewählt, der die Goethe-Gesellschaft Kassel bis 1960 leitete. Über die Zeit seines Vorsitzes sind kaum Dokumente vorhanden. 1958 publizierte er die Studie „Gedanken über Goethe und Gerhart Hauptmann“ als Privatdruck der Goethe-Gesellschaft.

Hans-Joachim SchaeferHans-Joachim SchaeferErich HerzogErich HerzogVon 1961 bis 1982 leitete der Dramaturg am Kasseler Staatstheater, Dr. Hans-Joachim Schaefer (1923-2007), die Gesellschaft. Thematisch verbreiterte er das Programm der Gesellschaft und setzte die 1955 begonnene Tradition der Jahresgaben fort, mit denen ausgewählte Vorträge oder Tagungsbeiträge gedruckt an die Mitglieder versandt wurden. Aus seinem persönlichen Interesse und seiner beruflichen Aufgabe resultierte die Aufnahme von Themen wie „Goethe und die Musik“ und „Goethes Freundschaft mit Carl Friedrich Zelter“ in das Veranstaltungsprogramm, worüber Schäfer auch eigene Schriften vorlegte. Von 1982-1990 konnte der von vielen hoch geschätzte Kunsthistoriker Prof. Dr. Erich Herzog (1917-2000), leitender Museumsdirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel, als Vorsitzender der Gesellschaft neue und eigene Akzente setzen. Er publizierte 1978 sein Vortragsmanuskript „Spuren Goethes in Kassels Galerien“ zur Tagung der Ortsvereinigungen in Kassel-Wilhelmshöhe.

Egon MenzEgon MenzVon 1990-1993 war der renommierte Germanist und Dramatiker Prof. Dr. Egon Menz (1939-1999) Vorsitzender der Gesellschaft. Er erhielt 1982 eine Professur an der damaligen Gesamthochschule Kassel und hat sich in verschiedenen Publikationen (leider nicht in den Schriften der Gesellschaft) vor allem mit K. Ph. Moritz, F.G. Klopstock und R.M. Lenz befasst.

Ludolf von MackensenLudolf von Mackensen1993 wurde der Wissenschaftshistoriker Prof. (h.c.) Dr. Ludolf von Mackensen zum Vorsitzenden der Gesellschaft gewählt, die er bis 2012 leitete. Er rekonstruierte 1994 als Leiter des „Museums für Astronomie und Technikgeschichte mit Planetarium“ in der Kasseler Orangerie gemeinsam mit dem Physiker Manfred Kling ausgewählte Versuche Goethes zur Optik und Farbenlehre. Gemeinsam mit dem Kasseler Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Helmut Fuhrmann (1929-2009; s.u.) als stellvertretendem Vorsitzenden organisierte er die Kasseler Goethe-Seminare (s.u.) und gab deren Tagungsbände heraus.

Stefan GroscheStefan GroscheStefan GreifStefan Greif2013 wurde der Mediziner und Medizinhistoriker Dr. Stefan Grosche zum Vorsitzenden der Kasseler Goethe-Gesellschaft gewählt. Seine Verbindung zu Goethe resultiert aus dem mit Unterstützung der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina 2001 herausgegebenen Briefwechsel Goethes mit dem Dresdner Arzt, Naturforscher, Psychologen und Landschaftsmaler Carl Gustav Carus (1789-1869). Gemeinsam mit dem Kasseler Literaturwissenschaftler und Herausgeber der kunstästhetischen Schriften Goethes in der „Frankfurter Ausgabe“, Prof. Dr. Stefan Greif als stellvertretendem Vorsitzenden erfolgte mit einer gemeinsamen Programmgestaltung sowie Kooperationen wieder eine enge Anbindung der Kasseler Gesellschaft an die Universität Kassel.

Die Schriftenreihe der Gesellschaft erscheint seit 2014 erstmals jährlich in einer neuen Gestaltung, bestehend aus kürzeren, broschierten Publikationen sowie umfangreicheren, leinengebundenen Buchformaten. Inzwischen liegt eine stattliche Liste von Publikationen vor. Vergriffene Exemplare sind kostenlos als PDF-Kopie auf der Homepage der Kasseler Goethe-Gesellschaft verfügbar. Auch können dort ausgewählte Vorträge und Rezitationen als Audio-Datei angehört, sowie als MP3-CD kopiert werden (sh. „Faust in Rock und Pop“; „Heine-Programm“; Briefe des jungen Goethe“).

Anneliese HartlebAnneliese HartlebNicht immer waren es nur die Vorsitzenden, die die Kasseler Goethe-Gesellschaft wesentlich mitgeprägt haben. Seit der Gründung der Gesellschaft 1949 bis 1973 gehörte Frau Margarete von Roos (†) als Geschäftsführerin dem Vorstand an. Im Dezember 1974 wurde als neue Geschäftsführerin Anneliese Hartleb (1921-2015) gewählt, die diese Funktion als Vorstandsmitglied bis 2002 ausgeübt hat. Mit ihrer lebendigen Wirksamkeit im Kasseler Kulturleben (sh. "Dokumente/Verweise") verband sich ein beeindruckender Mitgliederzuwachs der Kasseler Gesellschaft. Die Zahl der Mitglieder stieg von unter 100 vor 1974 auf 265 im Jahre 1976 und bis 1978 auf schon 508 Personen an. Die Kasseler Goethe-Gesellschaft entwickelte sich damit zur größten Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaften in Deutschland. Bis 1996 wuchs die Gesellschaft auf 913 Mitglieder, doch war nach 1996 ein allmähliches Absinken der Mitgliederzahlen festzustellen. Aktuell werden in Kassel 323 Mitglieder verzeichnet.

Von 2002 bis 2007 führte Margot Leiding die Geschäfte der Gesellschaft, danach wurde Dr. Jörg Westerburg zum Geschäftsführer bestellt, seit 2013 wird die Geschäftsstelle von Maja Fischer (M.A.) geführt.

Gerda RestGerda RestEwald GrieselEwald GrieselFrau Gerda Rest trat 1972 der Kasseler Gesellschaft bei und prägte später als langjähriges Vorstandsmitglied bis 2016 den persönlichen Umgang der Gesellschaft mit ihren Mitgliedern und Gästen bei nahezu sämtlichen Veranstaltungen, Reisen und sonstigen Aktivitäten. Und nicht zuletzt hat der langjährig bis heute als Schatzmeister der Gesellschaft tätige Prof. (h.c.) Ewald Griesel als Vorstandsmitglied mit seinen ausgedehnten Verbindungen in der Kasseler Kulturlandschaft eine Kontinuität und wirtschaftliche Stabilität aufrechterhalten, die es der Gesellschaft bis heute ermöglicht, ein attraktives Veranstaltungsprogramm und eine Schriftenreihe realisieren zu können.

Was die Programmgestaltung der Goethe-Gesellschaft Kassel anbelangt, so zählten schon früh Lesungen und Rezitationen bekannter Autoren, genannt seien Wolfdietrich Schnurre und Rudolf Hagelstange, zum Programm der Kasseler Goethe-Gesellschaft. Im Oktober 1980 trat Will Quadflieg mit Texten aus dem „Faust“ für die Gesellschaft auf. Rezitationsabende wurden auch von Mitgliedern wie dem Ehepaar Koettenich, beide Schauspieler am Staatstheater Kassel, gegeben. Neben das klassische Vortragsprogramm und Rezitationsabende traten von 1994-2002, organisiert und geleitet von Prof. Dr. Fuhrmann und Prof. (h.c.) Dr. von Mackensen, sechs Kasseler Goethe-Seminare bzw. Tagungen, die jeweils unter einem Thema Goethes Werk wissenschaftlich analysierten und in Beziehung zur modernen Literaturforschung und Naturwissenschaft setzten: „Was ist Farbe“ (1994), „Thomas Mann und Goethe“ (1996), „Wilhelm Meister und seine Nachfahren“ (1997), „Neue Erfahrungen mit Goethe“ (1999), „Goethe-Rezeption in Deutschland“ (2000) und “Goethes Faust und die Naturforschung“ (2002).Zu fünf dieser Tagungen wurden nachfolgend auch Tagungsbände veröffentlicht.

Helmut FuhrmannHelmut FuhrmannDie von Prof. Dr. Helmut Fuhrmann (1929-2009) herausgegebenen Tagungsbände folgten literaturwissenschaftlichen Fragestellungen. Mit den von Prof. (h.c.) Dr. Ludolf von Mackensen 1994, 1999 und 2002 veranstalteten naturwissenschaftlicher ausgerichteten Tagungen erfolgte inhaltlich eine deutliche Annäherung der Kasseler Goethe-Gesellschaft an die problematische Goethe-Exegese des Goethe-Herausgebers und Anthroposophen Rudolf Steiner (vgl. hierzu den profunden Aufsatz „Steiners Edition der Naturwissenschaftlichen Schriften in der Weimarer Ausgabe der Werke Goethes“ von Wolfhard Raub, Diss. Phil., Kiel 1963). Die Veranstaltungen galten jedoch immer auch anderen Dichtern der Goethezeit, Persönlichkeiten, denen Goethe begegnete, wie auch der Goethe-Rezeption und der zeitgenössischen Dichtung bis in die Gegenwart. Namhafte Schriftsteller waren zu Lesungen bei der Goethe-Gesellschaft Kassel zu Gast, wie Uwe Johnson, Martin Walser, Ingeborg Bachmann und Peter Handke. Weltweit angesehene Professoren wie Albrecht Schöne, Adolf Muschg, Manfred Eigen, Emil Staiger, Wolfgang Schadewald, Katharina Mommsen, Helmut Börsch-Supan, Lew Kopelew, Ernst Osterkamp und Daniel Wilson hielten Vorträge in der Kasseler Goethe-Gesellschaft.

Die Kasseler Goethe-Gesellschaft hat schon vor 1989 den Zusammenhalt mit der Weimarer Goethe-Gesellschaft gesucht und stetig Verbindung zu ihr gehalten. Immer wurden auch bereits in den Jahren der deutschen Teilung Reisen nach Weimar durchgeführt, Besuchsmöglichkeiten, die zahlreiche Mitglieder gerne nutzten. Im Juni 1978 veranstaltete die Kasseler Ortsvereinigung die Jahrestagung der Vorstände der Goethe-Gesellschaften. Überhaupt standen immer wieder Reisen in Deutschland und Europa – Italien, Frankreich, Schweiz – auf den Spuren Goethes und der deutschen Klassik auf dem Programm. Von 1985 bis 2001 wurden diese Reisen eindrucksvoll vorbereitet und geleitet von Gerhard Franke (†), von 2002 bis 2009 von Norbert Leder, danach hat Frau Carola Matthaei diese Aufgabe in nicht weniger akribischer Vorbereitungsarbeit und stets charmanter Begleitung übernommen.

Der Vorstand der Goethe-Gesellschaft Kassel wird unterstützt durch einen aktiven wissenschaftlichen Beirat, der in jeweils zwei jährlichen Zusammenkünften die Programmgestaltung mitbestimmt.

Zu Ehrenmitgliedern der Goethe-Gesellschaft Kassel wurden ernannt: Margarete von Roos (1973), Dr. Hans Joachim Schaefer (1989), Prof. Dr. Erich Herzog (1990), Hans-Martin Koettenich (1993), Prof. Dr. Werner Keller (1996), Prof. Dr. Albrecht Schöne (1998), Anneliese Hartleb (2002), Prof. Dr. Katharina Mommsen (2006), Gerhard Franke (2006), Michael Pecher (2008), Karl Garff (2009), Prof. Dr. Heinrich Gerdes (2013), sowie Gerda Rest (2016) und Prof. (h.c.) Dr. Ludolf von Mackensen (2016).

Dokumente und Archivalien der Gesellschaft werden seit 2015 im Stadtarchiv Kassel als Deposit verwahrt.

 

Stefan Grosche / Stefan Greif / Ewald Griesel

 

 

 

[Text aus: Newsletter der Goethe-Gesellschaft in Weimar - Ausgabe 3/2019] 

Cookie-Regelung

Diese Website verwendet Cookies, zum Speichern von Informationen auf Ihrem Computer.

Stimmen Sie dem zu?